Euprenolepis procera

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Euprenolepis procera
Arbeiterinnen von Euprenolepis procera an einem PilzArbeiterinnen von Euprenolepis procera an einem Pilz
Systematik
Unterfamilie: Formicinae
Gattung: Euprenolepis
Art: Euprenolepis procera
Weitere Informationen
Verbreitung: Südostasien
Habitat: Regenwald
max. Koloniegröße: bis ca. 50.000
Wissenschaftlicher Name
Euprenolepis procera

(Emery, 1900)

Euprenolepis procera ist eine Ameisenart, die im südostasiatischen Regenwald gefunden wurde.[1] Im Jahre 2008 entdeckten Witte & Maschwitz dass sich Euprenolepis procera auf das "Ernten" von Pilzen als Futter spezialisiert hat, was eine neue bisher unbeschriebene Art der Futterbeschaffung darstellte.[1]

Vorkommen und Lebensraum[Bearbeiten]

Euprenolepis procera ist im südostasiatischen Regenwald beheimatet und wurde in Regenwäldern Thailands, Malaysias und Indonesiens gefunden.[2] In Malaysia, wo die Art 2008 genauer untersucht wurde, wurde festgestellt, dass auf 150 m² durchschnittlich eine Kolonie dieser Art lebt, wobei nicht ausgeschlossen wurde, dass Kolonien übersehen wurden.[1]

Taxonomischer Hintergrund[Bearbeiten]

Euprenolepis procera wurde im Jahre 1900 zum ersten Mal von Carlo Emery, unter nem Namen Prenolepis procera beschrieben.[2] Emery legte seiner Beschreibung Material zu Grunde, welches von einem italienischen Anthropologen namens Elio Modigliani auf seinen Reisen durch Malaysia gesammelt wurde.[3] Dabei ordnete Emery erst im Jahre 1905 die Art der Untergattung Euprenolepis zu, im Jahre 1925 wies er sie als Untergattung der Gattung Paratrechina zu. Erst im Jahre 1995 erhob Bolton die Untergattung in den Rang einer eigenständigen Gattung, womit Euprenolepis procera ihren heutigen Namen erhielt.[2]

1913 beschrieb Forel eine Spezies, Camponotus (Myrmosphincta) antespectans, die jedoch von Emery ebenfalls der Gattung Euprenolepis zugeordnet wurde. Camponotus (Myrmosphincta) antespectans ist heute lediglich ein Synonym von Euprenolepis procera.[2]

Merkmale[Bearbeiten]

Arbeiterinnen[Bearbeiten]

Die Arbeiterinnen sind polymorph, wobei die Minoren eine Körperlänge von 3,5-4,5 mm erreichen. Majoren hingegen erreichen eine Körperlänge von 5–6 mm, treten jedoch eher selten auf. Die Köpfe aller Arbeiterinnen sind herzförmig, etwas breiter als lang und dunkel-, bis rotbraun gefärbt. Die Fühler beider Kasten bestehen aus zwölf Segmenten und sind deutlich heller als die Köpfe. Auffällig ist, dass die Mandibeln fünf zahnartige Fortsätze aufweisen. Die Arbeiterinnen erinnern leicht an Arten der Gattung Pseudolasius.[2]

Geschlechtstiere[Bearbeiten]

Die Königinnen und Männchen haben größere Augen als die Arbeiterinnen, wobei die Königinnen eine dichte Behaarung auf dem gesamten Körper aufweisen. Die Fühler der Männchen bestehen aus dreizehn Segmenten, anders als die Fühler der weiblichen Kasten, und ihre Mandibeln haben nur einen statt fünf zahnartigen Fortsätzen. Farblich sind die Königinnen den Arbeitern sehr ähnlich, haben jedoch auf dem Körper heller gefärbte Bereiche.[2]

Verhalten und Eigenschaften[Bearbeiten]

Euprenolepis procera furagiert überwiegend nachts, wobei Arbeiterinnen bei der Futtersuche oft noch bis zu 40 Meter vom Nest entfernt aufzufinden sind. Dies ist aber eher die Ausnahme, durchschnittlich entfernt sich eine Arbeiterin bis zu 12 Meter vom Nest. Dabei werden zwischen 500 und 50.000 Individuen umfassende Kolonien gebildet, die Nester vorgeformten Hohlräumen bewohnen, und nicht selbst Nester "konstruieren". Die Art wandert regelmäßig, wobei die bezogenen "Stationen" jeweils zwischen einem bis neun Tage bewohnt werden. Diese Wanderungen sind vermutlich notwendig, da die Kolonie schnell die verfügbaren Nahrungsmittel in der Nähe der Nester ausschöpft. Ähnliche Anpassungen an veränderliche Nahrungsressourcen wurden bisher von nur zwei anderen Ameisengattungen beschrieben: Wanderameisen, die in neue "Jagdgebiete" umziehen, und Ameisen der Gattung Dolichoderus, die ihre symbiotischen Läusekolonien umsiedeln.

Nahrung[Bearbeiten]

Über 200 Ameisenarten sind bekannt, für die Pilze als wichtiger Bestandteil der Ernährung gelten. Alle diese Arten aus der Tribus der Attini leben in Symbiose mit Pilzen, welche sowohl dem Pilz als auch der Ameisenkolonie Vorteile bringt.[4] Im Gegensatz zu dieser symbiotischen Beziehung, pflegt E. procera keinen Pilz in ihrem Nest, sondern "erntet" das Fruchtfleisch von verschiedenen Pilzen aus dem Regenwald und verwertert diese als primäre Nahrungsquelle. E. procera ist die einzige bekannte Ameisenart, die eine solche Nahrungsquelle verwertet.[1] Als im Jahre 2008 zum ersten Mal von dieser Art und ihren Fähigkeiten berichtet wurde, nannte Bert Hölldobler diese Entdeckung "sensationell" und sagte: "nichts Vergleichbares war zuvor bekannt".[5] Es wurde beobachtet, dass E. procera über 30 Pilzarten aufsucht, um deren Sporen zu "ernten". Interessant ist, dass sie weitere 50 Arten in ihrem Lebensraum einfach "missachten". In einer Laborstudie, konnte eine Kolonie über 13 Wochen gehalten werden, wobei die Ameisen nur mit Pilzen der Gattungen "Pleurotus" und "Agaricus" gefüttert wurde. Witte & Maschwitz kamen durch diese Beobachtungen zu dem Schluss, dass die natürliche Ernährung fast ausschließlich aus Pilzen besteht. Fütterungsversuche zeigten aber, dass E. procera in der Lage ist, auch nur von Honig und Insekten zu leben.[1]

Sobald Euprenolepis procera bei der Futtersuche auf Pilze trifft, erntet eine Kolonie diese mit einer enormen Effizienz, wobei fast 70% des Pilzes innerhalb von vier Stunden ins Nest eingetragen werden. In einer Laborstudie hat E procera fast den gesamten Fruchtkörper eines Pilzes der Gattung "Pleurotus" ins Nest eingetragen. Der Fruchtkörper wog 40 Gramm und wurde innerhalb von drei Stunden komplett zerlegt. Sobald die Arbeiterinnen einen Pilz zerlegt haben, transportieren sie Stücke von diesem zurück zu ihrem Nest und lagern sie auf Haufen von 1–4 cm Durchmesser. Im Laufe der Zeit verfärben sich die Pilzstücke von ihrer ursprünglichen weißen Färbung komplett schwarz. Dabei verlieren die entsprechenden Teile ständig an Masse, da die Arbeiterinnen unentwegt diese zerkauen und der Brut verfüttern. Das Fruchtfleisch hat einen charakteristischen süß-sauren Geruch, der wie von Witte & Maschwitz vorgeschlagen, eventuell durch Gärung entsteht. Bis das eingetragene Fruchtfleich vollständig verwertet ist, dauert es rund eine Woche, abhängig von der Größe der Stücke. Wenn das Pilz-Material aus der Kolonie entfernt wird, ist zu beobachten dass es sehr schnell durch den Befall von Bakterien verdirbt; wird das Material aber im gleichen Zeitraum in einer E. procera-Kolonie beobachtet, ist kein Verderb festzustellen. Die genauen Mechanismen der Verwendung und "Bearbeitung" der Pilze von dieser Art werden derzeit untersucht.[1]

Vermutlich entstand diese Art der Nahrungsaufnahme deshalb, weil kaum andere Tiere Pilze als Nahrungsgrundlage haben und deshalb kaum Konkurrenz um dieses Nahrungsmittel besteht.[1]

Ökologische Bedeutung[Bearbeiten]

Auswirkungen der Verwertung von Pilzen durch E. procera auf das Ökosystem sind derzeit nicht bekannt.[1]

Siehe auch[Bearbeiten]

Aktuelle Ereignisse#Nomadische Ameisen ernten Pilze im Regenwald von Malaysia (9. August 2008)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. ^ a b c d e f g h Witte, V.; Maschwitz, U. (2008). "Mushroom harvesting ants in the tropical rain forest" (PDF). 95 (11): 1049–1054. doi:10.1007/s00114-008-0421-9. PMID 18633583
  2. ^ a b c d e f John S. LaPolla (2009). "Taxonomic Revision of the Southeast Asian Ant Genus Euprenolepis". Zootaxa 2046: 1–25
  3. ^ Carlo Emery 1900: Formiche raccolte da Elio Modigliani in Sumatra, Engano e Mentawei (Italian) "Ants collected by Elio Modigliani in Sumatra, Enggano Island and the Mentawei Islands" - Annali del Museo Civico di Storia Naturale Giacomo Doria (Genova) vol.20 serie 2 issue:40 page 661–722 Bericht
  4. ^ Mueller, U. G.; Gerardo, N. M.; Aanen, D. K.; Six, D. L.; Schultz, T. R. (2005). "The Evolution of Agriculture in Insects". Annual Review of Ecology, Evolution, and Systematics 36: 563. doi:10.1146/annurev.ecolsys.36.102003.152626
  5. ^ Marcus, Adam (2008-07-30). "Fungus-Loving Ants Live Primarily on Mushrooms". Scientific American. Retrieved 2011-01-12