Antquarium / Gelfarm

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Sogenanntes "Antquarium" gefüllt mit blauem Gel
Als "Antquarium", "Gelfarm", "Antworks" oder neuerdings technisch aufgerüstet als "Ants Observer" werden Produkte in verschiedenen Ausführungen im Handel angeboten, die aus einem transparenten Behälter bestehen und zur Beobachtung oder kurzzeitigen Haltung von Ameisen dienen sollen.

Allen Ausführungen dieser Farmen gemeinsam ist das Nestsubstrat: ein durchsichtiges Gel, welches gleichzeitig als Wasser- und Nahrungsversorgung dienen soll.

Wichtig: Es ist bisher nur in sehr wenigen Ausnahmefällen gelungen, die Koloniegründung einer Ameisenkönigin oder eine Aufzucht von Brut in dem Gel zu erzielen. Für eine erfolgreiche Haltung von Ameisen sind Gele definitiv nicht geeignet.

Wer ernsthaft mit dem Gedanken spielt, Ameisen zu halten, sollte von diesem Produkt die Finger lassen und sich hier auf den Seiten ein wenig umsehen. Weitaus bessere Alternativen sind Nestformen wie z.b. die Ameisenfarm oder ein Formicarium.

Patentierung und Kosten[Bearbeiten]

Die Formen des transparenten Gehäuses speziell des Produktes "Antquarium", sowie das verwendete Gel wurden unter ein Patent gestellt. Hier ist das US-Patent mit der genauen Beschreibung der Zusammensetzung des Mediums in Gel-Farmen einsehbar:

Solche "Farmen" werden zu Preisen zwischen 10,- und 80,- € plus Versandkosten vertrieben. In manchen Ländern gehört zum Lieferumfang auch ein Gutschein für die Zusendung einiger Ameisen, die von einer weiteren Firma geliefert werden. In diesem Zusammenhang werden üblicherweise größere Ameisen (Ernteameisen der Gattungen Messor, Pogonomyrmex etc.) geliefert, allerdings nur Arbeiterinnen ohne Königin und Brut. Beim Besetzen mit selbst gefangenen Ameisen sollte man berücksichtigen, dass längst nicht alle Arten in Frage kommen.

Werbeversprechen[Bearbeiten]

Aus der Werbung einer Firma, die solche Einrichtungen vertreibt:

2003 hat die NASA ein Space Shuttle Experiment durchgeführt, bei dem das Verhalten von Ameisen bei Schwerelosigkeit untersucht wurde. Dazu benötigte man eine Möglichkeit, eine Ameisenkolonie in den Weltraum zu befördern. Die Lösung bestand in einem speziellen Gel, in dem die Ameisen Tunnel graben können wie in einem Ameisenhaufen und von dem sie sich gleichzeitig ernähren können. Zusätzlich war das Gel durchsichtig, so dass man die Ameisen perfekt beobachten konnte.

Dieses Gel steht jetzt auch der Allgemeinheit zur Verfügung: Das Antquarium besteht aus einem Behälter aus Plexiglas, in dem sich besagtes Gel befindet. Tut man jetzt einige Ameisen aus der freien Natur in das Gel, fangen diese an, Gänge zu graben, wobei man sie perfekt beobachten kann. Die Ameisen überleben ca. 1-3 Monate, wenn sie sterben, werden sie aber von ihren Artgenossen aus den Gängen befördert, so dass man sie leicht entfernen kann. Während der ganzen Zeit muss man die Ameisen natürlich nicht füttern, sie ernähren sich wie gesagt von dem Gel.

Zum Lieferumfang gehört:
Plexiglas-Behälter mit Antquarium-Gel (ca. 17cm*14cm*3,5cm)
Kleiner Behälter zum Aufsammeln von Ameisen
Lupe

Stab, mit dem man tote Ameisen entfernen kann.

Kritik[Bearbeiten]

Nahrungsgel[Bearbeiten]

In der Gattung Camponotus sind endosymbiontische Bakterien (Gattung Blochmannia) verbreitet, die für die Ernährung der Ameisen eine wichtige Rolle spielen. Gewöhnlich kann man solche Bakterien durch Verabreichung von Antibiotika eliminieren. Da das Gel in Gelfarmen durch zugefügte Antibiotika (welche? – Herstellergeheimnis!) vor baldiger Fäulnis bewahrt wird, und weil dieses Gel ja auch als Nahrung für die Ameisen dienen soll, ist bei Besetzung mit Camponotus eine Schädigung der Ameisen recht wahrscheinlich. Nur wenige Ameisengattungen wurden bisher auf bakterielle Endosymbionten untersucht, so dass auch bei Ameisen anderer Verwandtschaftsgruppen Schäden durch die zugesetzten Antibiotika nicht auszuschließen sind. Über die Bedeutung von Endosymbionten für Camponotus wird hier berichtet.

Siehe auch: http://www.biologie.uni-osnabrueck.de/Verhaltensbiologie/Feldhaar/pdf/Biospektrum%20Gross%20Zientz%20Feldhaar%202006.pdf

Arena[Bearbeiten]

Neben einem geeigneten Nest ist ein Auslauf, die sog. Arena, für die Ameisenhaltung unerlässlich. Der Begriff Arena umfasst alle Bereiche des Formicariums, den die Ameisen betreten können. Die Arena dient in erster Linie zum Furagieren: die Ameisen sammeln Futter, suchen Wasser und legen ihren Abfallhaufen an.

Keine der angeboteten Gelfarmen ist jedoch für den Anschluss einer Arena ausgelegt, lediglich der Ant-Observer kann bei abgenommenem Deckel durch eine Zugangsöffnung mit einem Rohr verbunden werden. D. h. die Ameisen sind in den einfachen Ausführungen zu einem Leben innerhalb des Gels verdammt, die "exklusiveren" Ausführungen erlauben den Ameisen zumindest einen Auslauf auf wenigen Quadratzentimetern... was für Ameisen keinesfalls auch nur annähernd akzeptabel ist.

Hier ist besonders die Empfehlung eines Händlers interessant: Zitat: "...und das Antquarium mit einem weiteren Behälter (Freilaufarena) oder Formicarien-System zu ergänzen..." Der Haken an der Sache: keine der angebotenen Gelfarmen besitzt einen Schlauchanschluss für externe Arenen! Die einzige Möglichkeit zum Anschluss einer Arena ist die Bohrung eines Zuganges, was selbstverständlich zum Verlust jeglicher Garantieansprüche führt. Desweiteren wird das enthaltene Gel schneller austrocknen.

Beleuchtung[Bearbeiten]

Erd- und Holznester bewohnende Ameisen benötigen naturgegeben ein dunkles Nest.

Umso unverständlicher sind die Ausführungen "Antworks Illuminated" und "Ants Observer mit Beleuchtung", bei denen die ohnehin miserabel gehaltenen Ameisen noch mit einer LED-Beleuchtung gestresst werden, sinnigerweise für die rotblinden Ameisen u.a. in Blau und Gelb. Zu vermuten ist hier natürlich eine erhöhte Aktivität der Ameisen: sie versuchen verzweifelt ins Dunkle zu kommen.

Hier kann man das "AntWorks Illuminated" in Aktion sehen. Es dürfte eigentlich jedem sofort auffallen, dass es sich hierbei um Tierquälerei handelt. Artgerechte Haltung sieht jedenfalls anders aus. Auch die Art und Weise, wie die bedauernswerten Tierchen in das Formicarium geschüttet und dann sich selbst überlassen werden spricht Bände: http://www.youtube.com/watch?v=zjKEoSOoShk

Wie man eine große Gelfarm mit Ameisen befüllt: http://www.youtube.com/watch?v=S0dkvVhSCQ8

Sie steht an einer Bushaltestelle als Reklame für eine Zahnpasta.

Zusatzinformation[Bearbeiten]

„Entwickelt“ wurde das Ameisengel für einen Schülerversuch, bei dem für ein paar Tage das Grabeverhalten von Ameisen-Arbeiterinnen unter Schwerelosigkeit mit dem „normalen“ Verhalten am Boden verglichen werden sollte. Man benötigte ein Substrat, in dem, anders als in Sand, die Gänge der Ameisen bei der enormen Beschleunigung nicht kollabierten. Die NASA war nur insofern beteiligt, als sie den Versuchsbehälter (mit Webcam usw.) auf einen Columbia-Flug mitnahm. Zur Erinnerung: Das Experiment endete damit, dass die "Columbia" mit dem Antquarium an Bord beim Landeanflug am 01. Feb. 2003 verglühte.

Geschäftstüchtige Hersteller propagieren das Produkt seitdem unter Ausnutzung des bekannten Namens der National Aeronautics and Space Administration. Es sind keinerlei Untersuchungen von Seiten der Hersteller oder Händler zur Eignung des Produkts für die längerfristige Haltung von Ameisen bekannt. Auch welche Arten ggf. in dem Gel gehalten werden können, wird nirgends angegeben. Das „Antquarium“ mit allen Abwandlungen ist ein Musterbeispiel dafür, wie unter Missbrauch eines prominenten Namens ein völlig wertloses Produkt verkauft wird, das ausschließlich dem finanziellen Gewinn von Hersteller und Händlern dient, zu Lasten des Käufers und der bedauernswerten Ameisen.

Weblinks[Bearbeiten]