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Besonders eigenartig sind die flügellosen, der Arbeiterin gleichenden Weibchen („gamergaten“) bei der Ponerinen-Gattung Diacamma. Sie erzeugen ihren Lockstoff in Drüsen innerhalb der Tibien (Schienen) der Hinterbeine. Beim Reiben der Hinterbeine über die Gaster wird das Tibialdrüsensekret auf die Gaster aufgetragen, die dann für Männchen attraktiv wird. (K. Nakata, K. Tsuji, B. Hölldobler, A. Taki 1998: Sexual calling by workers using the metatibial glands in the ant, Diacamma sp., from Japan (Hymenoptera: Formicidae). J. Insect Behavior 11, 869-877).
 
Besonders eigenartig sind die flügellosen, der Arbeiterin gleichenden Weibchen („gamergaten“) bei der Ponerinen-Gattung Diacamma. Sie erzeugen ihren Lockstoff in Drüsen innerhalb der Tibien (Schienen) der Hinterbeine. Beim Reiben der Hinterbeine über die Gaster wird das Tibialdrüsensekret auf die Gaster aufgetragen, die dann für Männchen attraktiv wird. (K. Nakata, K. Tsuji, B. Hölldobler, A. Taki 1998: Sexual calling by workers using the metatibial glands in the ant, Diacamma sp., from Japan (Hymenoptera: Formicidae). J. Insect Behavior 11, 869-877).
  
'''Kreuzung von Ameisenarten'''
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==Kreuzung von Ameisenarten==
  
 
Kreuzung (= Hybridisierung) von Ameisenarten kommt in freier Wildbahn vor und kann experimentell im Labor durchgeführt werden.
 
Kreuzung (= Hybridisierung) von Ameisenarten kommt in freier Wildbahn vor und kann experimentell im Labor durchgeführt werden.

Version vom 20. Oktober 2005, 11:34 Uhr

Allgemein

Vom Ei bis zur Ameise gibt es 4 Entwicklungsstadien: Ei, Larve, Puppe und Adult- oder Imaginalstadium, die fertige Ameise. Das Larvenleben selbst ist untergliedert in 3-5 Larvenstadien; aus dem Ei schlüpft die L1 (Larvenstadium 1), diese häutet sich zur L2 usw.. Vor der Häutung zur Puppe spinnt das letzte Larvenstadium in manchen Unterfamilien (z.B. Ponerinae, Formicinae) einen Kokon aus Spinnseide, die der Labialdrüse entstammt. Wenige Tage vor der eigentlichen Puppenhäutung wird der Kotsack entleert, das Meconium abgegeben. Es enthält den gesamten im Laufe des Larvenlebens angesammelten Kot. Bei Kokonpuppen ist das Meconium als dunkler Fleck am Hinterende de Kokons zu sehen. In diesem Zustand, also Kotsack entleert, aber noch nicht zur Puppe gehäutet, wird die Larve als Vorpuppe (Präpuppe) bezeichnet. Sie erscheint schlaffer als die zuvor pralle Larve und ist weniger durchsichtig. In ihrem Inneren bilden sich nun die Fühler, Beine, Flügel usw. aus, die dann nach Abstreifen der Larvenhaut außen an den Puppen sichtbar sind.

Nach 4 bis 6 Wochen entstehen aus den winzigen Eiern, die die Königin legt, die Arbeiterinnen, aus unbefruchteten Eiern wachsen die Männchen heran. Die Samen für die Befruchtung der Eier trägt die Königin seit dem Hochzeitsflug bei sich. Die Larven werden mit vorverdauter Nahrung gefüttert, oft auch mit kleinen Stückchen Insektenfleisch, bis sie sich zu Puppen entwickeln.

Geschlechtstiere

Es gibt einmal die Männchen ( die Bezeichnung „Drohnen“ ist bei Ameisen unüblich), zum anderen die unbegatteten Jung-Königinnen. Zum Hochzeitsflug verlassen diese das Nest. Die Königin paart sich mit einem Männchen aus einem anderen Nest in der Luft. Danach wirft sie die Flügel ab und gründet einen neuen Staat.

Die ersten Arbeiterinnen muss die Königin noch alleine aufziehen. Es gibt auch Arten in denen die Königin ein paar Arbeiterinnen mitnimmt. Die Königinnen mancher Arten können über 20 Jahre alt werden.

Die Männchen sterben nach dem Hochzeitsflug und erfüllen sonst keine weiteren Aufgaben.

Die Arbeiterinnen sind theoretisch in der Lage Eier zu legen. Der Eierstock ist hingegen nicht so stark entwickelt, wie der bei einer Königin. Bei manchen Arten haben die Arbeiterinnen überhaupt keine Ovarien, z.B. bei Tetramorium spp.. Des Weiteren wird die Eiablage der einzelnen Arbeiterinnen mit einem Botenstoff der Königin unterdrückt. Bei anderen Arten fressen Arbeiterinnen die von ihren Schwestern gelegten Eier („policing“). Wenn die Königin stirbt, beginnen die Arbeiterinnen mit der Eiablage, falls sie Ovarien besitzen. Das Volk kann dann noch über 2-3 Jahre Männchen aufziehen, bis die letzten Arbeiterinnen weggestorben sind.

Nach dem Hochzeitsflug schwillt das Abdomen (besser: Die Gaster) der Königin stark an. Dann beginnt sie mit der Gründung eines neuen Staates.

Nicht alle Arten machen Hochzeitsflüge. Vielfach kopulieren die Geschlechtstiere bereits im Mutternest, was besonders bei polygynen Arten vorkommt.

Bei manchen Arten ist bekannt, dass die Weibchen mit Sexuallockstoffen die Männchen anlocken und stimulieren. Diese „Sexualpheromone“ sind bei Myrmicinen vielfach im Sekret der Giftdrüse enthalten. Dann können sich begattungsbereite Weibchen außerhalb des Nestes, oder nach einem Flug am Treffpunkt, aufstellen und mit ausgestrecktem Stachel ihr Pheromon an die Luft abgeben („Locksterzeln“, „sexual calling“.

Leptpacis sterzelnd-wiki Kopie.jpg.

Bei der Pharaoameise stammt das Sexualpheromon aus der Dufour-Drüse (die dem Genitaltrakt ansitzt) und den Bursa-Seitentaschen (Bursa copulatrix: Begattungstasche). Auch andere am Gasterende gelegene Drüsen können Sexuallockstoffe produzieren. Besonders eigenartig sind die flügellosen, der Arbeiterin gleichenden Weibchen („gamergaten“) bei der Ponerinen-Gattung Diacamma. Sie erzeugen ihren Lockstoff in Drüsen innerhalb der Tibien (Schienen) der Hinterbeine. Beim Reiben der Hinterbeine über die Gaster wird das Tibialdrüsensekret auf die Gaster aufgetragen, die dann für Männchen attraktiv wird. (K. Nakata, K. Tsuji, B. Hölldobler, A. Taki 1998: Sexual calling by workers using the metatibial glands in the ant, Diacamma sp., from Japan (Hymenoptera: Formicidae). J. Insect Behavior 11, 869-877).

Kreuzung von Ameisenarten

Kreuzung (= Hybridisierung) von Ameisenarten kommt in freier Wildbahn vor und kann experimentell im Labor durchgeführt werden. Z.B. Seifert (1999: Interspecific hybridisations in natural populations of ants by example of a regional fauna (Hymenoptera, Formicidae). Insectes Sociaux 46, 45-52) listet eine Anzahl von Beispielen aus der mitteleuropäischen Fauna auf. Von den seinerzeit bekannten 164 Arten hybridisieren 17 von Natur aus, für zwei weitere wird es vermutet. Zu den natürlicherweise sich verkreuzenden Arten gehören: Lasius jensi mit L. umbratus, Temnothorax albipennis mit drei weiteren Temnothorax-Arten; Temnothorax nylanderi mit T. slavonicus; Formica bruni und F. pressilabris; nicht zuletzt Formica rufa und F. polyctena.

Im Labor wurden v.a. Arten verkreuzt um herauszufinden, ob es sich wirklich um Arten oder evtl. nur um Rassen handelt. Im Labor des Verfassers wurden insbesondere sozialparasitische Arten verkreuzt, ganz einfach deshalb, weil das bei diesen Arten problemlos möglich war und weil das Ergebnis interessant zu sein schien.

Im Forum eines Ameisenhändlers wurde kürzlich unterstellt, dass dabei irgendwelche Monsterameisen hätten entstehen können, „Was wäre wenn diese Kreuzungen nun polygyn und ausbruchsfreudig wie Pheidole sind? Kann das jemand sagen? Ein Wissenschaftler bestimmt nicht“. In der einzigen in dem thread zitierten Arbeit (Buschinger, A., 1972: Kreuzung zweier sozialparasitischer Ameisenarten, Doronomyrmex pacis KUTTER und Leptothorax kutteri BUSCHINGER (Hym., Formicidae). Zool. Anz. 189, 169-179.) handelt es sich jedoch um zwei arbeiterinlose (!) Parasiten, und Hybride entstanden in nur geringer Zahl. Selbstverständlich wurden diese weder ins Freie entlassen noch in den Handel gebracht.

Im Sexualverhalten sind diese Arten dadurch gekennzeichnet, dass sie keine Hochzeitsflüge machen, sondern am Boden kopulieren. Die beiden Arten unterschieden sich nur darin, dass sie zu verschiedenen Tageszeiten aktiv wurden. In zwei Brutschränken mit verschobenen Tageszyklen konnte ich sie synchronisieren. Die Erkenntnis: Weitere Kreuzungsbarrieren gibt es nicht! – Die Kritiker haben aber ganz offensichtlich diese Arbeit nicht gelesen.

Ähnliches gilt für eine Reihe von Arten der ehemaligen Gattung Epimyrma, jetzt Myrmoxenus. In einer Arbeit von 2001 beschreibe ich die Verkreuzung von nicht weniger als vier Arten aus fünf Populationen. Dabei hatte eine Population von M. kraussei ein paar Arbeiterinnen, eine andere Population derselben Art war völlig arbeiterlos. Die Frage war also: Ist diese Arbeiterlosigkeit genetisch begründet, erblich? - Antwort: Wahrscheinlich ja. Die folgenden Einkreuzungen weiterer arbeiterloser Arten erfolgten eher deshalb, weil ich sehen wollte, wie weit so etwas überhaupt möglich ist. Nachlesen kann man die Geschichte hier: Buschinger, A. (2001): Multiple Hybridisierung von Arten der Ameisen-Gattung Epimyrma (Hymenoptera: Formicidae), und Beobachtungen zur Ausbeutung der Wirtsarten durch die Parasiten. Myrmecologische Nachrichten 4, 25-35.

Da in diversen Foren immer wieder die Frage nach der Kreuzbarkeit von Ameisenarten auftaucht, habe ich hier etwas ausführlicher dazu geschrieben. Um die Angelegenheit wirklich verstehen und beurteilen zu können, muss man allerdings unbedingt die zugrunde liegenden Veröffentlichungen gelesen haben.

Als Fazit lässt sich nur sagen: Grundsätzlich können Ameisenarten verkreuzt werden, ja einige verkreuzen sich gelegentlich sogar freiwillig in der Natur. ABER: Das betrifft keinesfalls alle Arten, sondern einen nur geringen Bruchteil der in einer Region vorkommenden Spezies. UND: Von neu in eine Lokalfauna eingeschleppten Arten kann niemand vorhersagen, ob sie sich mit ansässigen Arten verkreuzen können. Unter anderem deshalb warne ich vor der Einfuhr und dem evtl. Freikommen von Ameisen aus mehr oder weniger weiter entfernten Regionen, einer Gefahr, die man erst erkennen konnte, indem der Beweis für mögliche Hybridisierung erbracht wurde.

A. Buschinger


Brutzeiten

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